August 13

Entwicklung statt Trennung – so finden Paare aus der Krise

Von Dominique Rychner 

In der Schweiz werden zwei von fünf Ehen geschieden. Trennen sich Paare zu früh? Vielleicht. Auf der anderen Seite ist eine Trennung in vielen Fällen die bessere Lösung: Wer lediglich aus Angst vor den Eltern, den Nachbarn oder der ungewissen Zukunft zusammenbleibt, tut niemandem einen Gefallen. Am allerwenigsten sich selbst. Die Alternative zur Trennung heisst Entwicklung. Und die geht so.

Die meisten Menschen lernen eine Partnerin oder einen Partner kennen, ohne sich selbst zu kennen: Sie beginnen eine Beziehung, ohne zu wissen, was sie von dieser Beziehung erwarten und wie diese Beziehung funktionieren soll. Manchmal werden wir auch so lange bezirzt, bis wir aus Bequemlichkeit (oder mangels Alternativen!) in eine Beziehung einwilligen. Mehr als 60 % aller Beziehungen sind solche «Notlösungen». Statt für eine Beziehung mit der Traumpartnerin oder dem Traumpartner entscheiden sich die meisten Menschen für eine Verbindung mit dem Menschen, der gerade verfügbar ist.

Sehr oft werden dabei die eigenen Bedürfnisse zurückgestellt. Das geht meist eine Zeit lang gut: Die eigenen Wünsche werden mit angenehmen Gewohnheiten, täglicher Routine und dem Gefühl, «ein Team zu sein» unter Verschluss gehalten. Doch Bedürfnisse lassen sich nicht über einen längeren Zeitraum unterdrücken: Sie melden sich früher oder später zurück – bis es eines schönen Tages nicht mehr weiter geht und sich mindestens eine der beiden beteiligten Personen eingesteht: «Ich halte das nicht mehr länger aus!» «Ich bin sowas von unglücklich!» «Ich fühle mich nicht gesehen!» Wenn nicht schon Hopfen und Malz verloren ist, taucht an diesem Punkt in der Regel auch der Wunsch auf, dass die Beziehung wächst und grösser und tiefer wird.

Alternative zur Trennung

Einige Menschen entscheiden sich an diesem Punkt auch für eine Trennung. Ziehen sie allerdings keine Erkenntnisse aus der gescheiterten Beziehung, gelangen sie früher oder später wieder an den gleichen Punkt. Denn wir nehmen uns und unsere Muster in die nächste Beziehung mit. Und wenn die erste Verliebtheit vorbei ist, tragen wir auch in der neuen Beziehung die genau gleichen Konflikte aus wie eh und je. Das Spiel kann also von vorne beginnen. Wobei zum Glück die wenigsten Menschen eine Beziehung als Spiel sehen.

Gibt es eine Alternative? Aber sicher! Die allermeisten Beziehungen brauchen keine Trennung. Sondern eine Entwicklung. Die beteiligten Personen müssen unabhängig voneinander einen Entwicklungsschritt machen. Heisst: von einer aussenbezogenen Partnerschaft zu einer innenbezogenen Partnerschaft kommen und bei diesem Prozess ihr ganzes Herz, ihre ganze Seele und ihr ganzes Wesen einbringen.

Eine neue Beziehungsebene

Dieser Prozess läuft häufig zeitverzögert ab: Eine Person geht voran; die andere wird quasi zu ihrer Entwicklung gedrängt. Teil dieser Entwicklung ist selbstverständlich auch das Beantworten unangenehmer Fragen wie: «Wer bin ich?». «Was brauche ich?». «Was muss ich loslassen?». Wenn sich beide auf ihre Entwicklung einlassen, können sie sich in einem nächsten Schritt auf einer neuen Beziehungsebene begegnen – bis es Zeit für den nächsten Entwicklungsschritt ist. Vor allem, wenn Kinder im Spiel sind und noch eine Restglut der alten Liebe vorhanden ist, lohnt sich dieser Schritt unbedingt.

Dabei ist es wichtig, dass du keine Angst vor der Krise hast: Nur, weil ihr in eine Krise geraten seid, ist weder an dir noch an dem Menschen, mit dem du eine Beziehung eingegangen bist, irgendetwas falsch. So schmerzlich und so unbequem dieser Zustand auch ist: Wenn deine Beziehung nicht mehr im Flow ist, wird es höchste Zeit, ein neues Bewusstsein zu entwickeln. Wie das gehen soll? Erst einmal ist es hilfreich zu wissen, dass beim Wort «Ich» lediglich 5 % selbstbestimmt sind: 95 % von dem, was unsere Beziehungen ausmachen, spielen sich im Unterbewusstsein ab Wir haben keinen direkten Zugriff darauf und können nur erahnen, was da lauert. Oder wir ahnen es, und verdrängen es aus Angst mit aller Kraft.

Ich bin nicht ich

Eine weitere, hilfreiche Erkenntnis ist die Tatsache, dass 80 % unseres Bindungsverhaltens während der Schwangerschaft im Mutterleib und während der ersten 3 Lebensjahre geprägt wird. Damit unsere kindlichen Bedürfnisse wie Autonomie, Bindung, Kontrolle, Spontanität und Spiel erfüllt werden, passen wir uns perfekt unserem Umfeld an. Unser Bindungsverhalten hat also nur noch wenig mit uns selbst oder unserem ureigenen Wesen zu tun. Dafür viel mehr mit dem biochemischen, emotionalen, physischen und prägenden System, das uns umgibt. Dieses gibt sozusagen einen Gefühlsabdruck der Mutter (später auch des Vaters), der uns glauben lässt: «Das bin ich».

Doch unsere Eltern haben ihre eigene Art zu fühlen, zu lieben und ihre eigenen Konditionierungen und Muster. Wenn wir mit 3 Jahren eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln beginnen, haben wir bereits «ein volles Programm» auf unserer kleinen, emotionalen Festplatte und die Muster und Konditionierungen aus der vorsprachlichen Zeit liegen gut geschützt in unserem Unterbewusstseinstresor verborgen. Die meisten Menschen leben in einer Beziehung mit dieser unbewussten emotionalen Festplatte. Sie hat unser Verständnis von Liebe und damit auch unser Verständnis von uns selbst geprägt – obwohl sie gar nichts mit uns zu tun haben. Mit diesen Prägungen gehen sie dann eine Beziehung ein, die ihnen unter Umständen nicht guttut, weil sie nicht ihrem wahren Wesen entspricht. Viele Beziehungen bestehen demzufolge aus vier Teilen. Neben den beiden Anteilen der erwachsenen Personen sind auch die beiden unbewussten Anteile aus der Kindheit am Start. Sie beherrschen und bestimmen die Beziehungen mit ihren alten Mustern, Schattenseiten und Wunden. Und das wollen die wenigsten Menschen wahrhaben.

Beziehungen werden vom Unterbewusstsein gesteuert

Die Anziehung zu anderen Menschen wird also im Wesentlichen durch unser Unterbewusstsein bestimmt: Da finden zwei zusammen, die all ihre Ängste und Schmerzen im Gepäck haben und sich gegenseitig immer wieder triggern. Je mehr man diese Ängste und Schmerzen ignoriert, desto stärker werden sie von der Partnerin oder vom Partner gespiegelt. Nicht, weil uns der andere Mensch bewusst ärgern will. Sondern, weil er ist, wie er ist. Wir müssen verstehen, dass eine Beziehung wenig mit romantischer Verklärung zu tun hat. Und viel mehr ein Entwicklungsraum für unser Herz ist. Eine Beziehung lädt uns ein, unseren Wachstumsweg zu gehen. Sie schafft einen Raum, in dem wir uns selbst kennenlernen können und in dem wir eine erwachsene Liebe lernen und leben können. Eine Liebe auf Augenhöhe, in der man sich mit seiner Stärke aber auch mit seiner Verletzlichkeit zeigen darf.

In einer Beziehung geht es also darum, seinen eigenen Weg zu finden, gut für sich zu selbst zu sorgen und gleichzeitig sein Herz offen zu halten. Das heisst: Auch Grenzen zu setzen, ohne abzuspalten oder wegzurennen. Zu lernen, sein Herz zu öffnen, ohne sich zu verlieren, zu opfern oder symbiotisch mit der anderen Person zu verschmelzen. Nur wenn wir ganz nah mit uns verbunden sind, ganz uns selbst sind, authentisch sind, können wir die natürliche Anziehungskraft in der Beziehung erhalten, weil wir uns selbst nahe sind – und das auch gerne sind.

Raum für Entwicklung

Wer eine erfolgreiche und glückliche Partnerschaft leben will, tut deshalb gut daran, Raum für Entwicklung zu schaffen. Und nicht all seine Kraft in Arbeit zu stecken und die ganze Freizeit mit Freunden und Hobbys zu verplanen oder seine Kreativität an 100 verschiedenen Orten auszuleben – und dann zu hoffen, dass sich die Beziehung prächtig entwickeln wird. Eine Beziehung kann sich nur entwickeln, wenn sie Energie bekommt, wenn Engagement da ist und wenn sie Raum und Zeit erhält.

Besonders wichtig ist, dass man sich als Paar traut, einfach nur zu zweit zu sein (nein, nicht vor dem TV) und dass man lernt, diese Zeit wirklich präsent miteinander zu verbringen. Das ist nicht immer ganz einfach. Aus diesem Grund kann es sich lohnen, ab und zu die Hilfe eines Coaches in Anspruch zu nehmen. Das funktioniert als «Starthilfe» genauso gut wie als regelmässiges Time-Out – so, wie man alle sechs Monate zur Dentalhygienikerin geht, um seine Zähne zu pflegen, geht man als Paar regelmässig ins Coaching, um seine Beziehung zu pflegen.

Über den Autor:
Dominique Raymond Rychner ist systemischer Life- und Businesscoach in Zürich und Spezialist für Paartherapie.


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